Aggressionsverhalten



Aggressionen sind in unserem aktuellen Zeitgeschehen immer wieder ein großes Thema und dieses spiegelt sich auch ganz klar in den heutigen Mensch - Hund - Umwelt - Beziehungen wider.

Dass es verschiedene Formen der Aggressionen gibt, ist hinlänglich bekannt. Um nur ein paar Beispiele aufzuzählen:

Angst - Aggression
Ressourcen bedingte Aggression
Beute - Aggression
Territoriale Aggression
Aggression aufgrund Frustration
Aggression gegenüber bekannten und unbekannten Hunden u./o. Menschen
Aggression innerhalb und / oder außerhalb einer Hundegruppe
die sog. Dominanzaggression
Aggression der Mutterhündin, nachdem sie ihre Welpen geboren hat
die umgerichtete Aggression
Aggression aufgrund körperlicher und psychischer Defizite
Aggression bei Erkrankungen u./o. Schmerzen
und verschiedene Formen mehr.
Wobei hier noch unterschieden werden kann zwischen dem intra- und der inter- spezifischen Verhalten, ebenso wie sich die Formen der Aggressionen vermischen können, etc..

Sie alle aber dienen dazu, das Gegenüber auf Abstand zu halten, sich u./o. die Ressource zu schützen, zu sichern und ggf. dafür zu sorgen, dass das Gegenüber verschwindet.

Ebenso spielen die Hormone eine große Rolle beim Einfluss auf das Aggressionsverhalten. Man bedenke nur, was Testosteron bei Rüden und die Hormone während der Läufigkeit bei Hündinnen alles auslösen können. Auch sie gehören zum natürlichen Verhalten dazu und erfüllen ihre Funktion.
Man denke ebenso an eine mangelnde Frustrationsgrenze, Angst oder Stress, welche Hormonausschüttungen im Körperinneren in Gang bringen können, die es dem Hund unmöglich machen, anders zu reagieren, als mit Aggressionen.

Die Aggression gehört zum natürlichen, unabdingbaren Verhaltensrepertoire. Sie dient der Kommunikation und kann unter Umständen sogar das eigene (Über-) Leben sichern und retten. Erst wenn sie in ge-, bzw. übersteigerter oder unangemessener Form auftritt, dann stellt sie ein Problem dar.
Wenn sie allerdings völligst überraschend und unangemessen massiv auftritt, sollte zunächst der TA aufgesucht werden, um körperliche Erkrankungen auszuschließen.

Die wenigsten Aggressionen erscheinen aber “aus dem Nichts”. Vielmehr ist es so, dass mittlerweile ein solch verzerrtes Bild der natürlichen Aggression vorherrscht, dass die wenigsten Menschen die gesamten Facetten und “Vorläufer” wahrnehmen, sehen, erkennen und verstehen können und es somit zu Missverständnissen in der Kommunikation kommt.

Alleine das Wort Aggression löst bei vielen Menschen ein befangenes und ungutes Gefühl aus, dabei ist es von den Menschen negativ belegt worden und wird im heutigen Sprachverständnis nicht mehr frei von Normen und Werten gebraucht. Die Menschen sind weit entfernt von einem “unbefangenen Umgang” mit eben dieser, und Aggression wird als “= böse” gesehen.

Für die Menschen schließt ein harmonisches Zusammenleben die Aggression aus - dabei ist es gerade die Aggression, die ein harmonisches Zusammenleben erst möglich macht! Dabei meint Aggression nicht nur das “blanke übereinander herfallen und verletzen”, sie hilft sogar oft, schlimmeres zu verhindern und es gar nicht erst soweit kommen zu lassen, dass die Situation eskaliert.
Doch dazu muss der Mensch erst einmal erkennen, was Aggressionen überhaupt sind, welche “Spielregeln” es gibt, wie sie im alltäglichen Miteinander dazu gehören und welche Formen sie annehmen (können).

Schon ein für Sekundenbruchteile anhaltendes Verharren / Steifmachen und offenes Anstarren des Gegenübers ist eine Form der Aggression. Sie vermittelt dem anderen: “Komme nicht näher!”. Ob dieses jetzt aus Unsicherheit oder Selbstsicherheit geschieht, spielt zunächst keine Rolle. Wenn diese Aggression / dieses Verhalten als solche/s wahrgenommen wird, dann würde kaum einer auf die Idee kommen, diesen Hund gleich mit Maulkorb zu versehen und als gefährlich einzustufen.
Aber dadurch, dass diese Grenze oftmals eben nicht erkannt oder gar ständig überschritten wird, sind die Hunde gezwungen, einen Schritt weiter zu gehen. Spätestens dann, wenn der Hund am Ende in der Leine hängt oder sich gar mit dem anderen beißt, wird es schwierig und der Mensch hat ein Problem.

Aggression beim Hund ist heute ein unerwünschtes Verhalten, welches nach Möglichkeit schnell abgestellt werden sollte. Der Druck in der Öffentlichkeit und im Leben fordert den Hundehalter immer mehr und wird schlussendlich so groß, dass eine Reaktion seitens des Hundehalters eingefordert wird, sobald sich der Hund nicht nach menschlichen Normen und Wertvorstellungen verhält. Dabei spielt es keine Rolle mehr, ob der Hund sich jetzt hundegerecht verhalten hat oder nicht, unreflektiert werden allzu oft Hunde mit menschlichen Kriterien belegt.
Doch das kann nicht funktionieren, weil sich der Hund nur wie ein Hund verhalten kann und für ihn zählen menschliche Normen und Wertvorstellungen nicht.

Genauso wie Hunde lernen müssen, dass bestimmte Objekte in ihrer Umgebung keine Bedrohung darstellen oder sie diese nicht zu verteidigen haben (sie nicht ihre Ressource darstellen), so müssen sie auch den Umgang mit anderen Lebewesen lernen und die soziale Kompetenz erst erwerben.
Je mehr der Hund lernen konnte, desto adäquater wird er mit Aggressionen umgehen und “antworten” können.

Ich würde mir wünschen, dass die Menschen wieder mehr dahin kommen, Aggressionen als etwas Natürliches anzusehen und nicht sofort mit einem Tabu zu versehen. Denn erst, wenn sie wieder richtig verstanden wird, ist auch ein angemessener Umgang zu erwarten.

© Cornelia Tillmann-Rogowski 2008 www.mensch-trifft-hund.de