„Antijagdtraining“



Das Wort “Antijagdtraining” ist derzeit in aller Munde und ein zunehmend mehr vorhandenes Schlagwort, wenn es um die Hundeerziehung geht.

Vorab möchte ich bemerken, dass dieses Wort mir Magenschmerzen bereitet, weil es impliziert, dass das Jagen als solches abtrainiert werden soll.
Jagen gehört aber durchaus zum natürlichen Verhaltensrepertoire eines Hundes und dieses abtrainieren zu wollen, bedeutete, ich würde dem Hund einen entscheidenden Bereich nehmen wollen; ich würde etwas auszulöschen versuchen, was zum Hund gehört und diesen u. a. auch ausmacht. Für mich ist es der falsche Weg.
Natürlich weiß ich, dass meistens das UNGEWÜNSCHTE und VERSELBSTSTÄNDIGTE Jagen gemeint ist, aber dennoch und gerade deshalb finde ich es wichtig, genau diesen Unterschied noch einmal ganz klar voneinander abzugrenzen.
Und natürlich ist es richtig, dass die entsprechende Grunderziehung das “A und O” ist, aber mich wundert es nicht, dass immer mehr verzweifelte Hundeführer dastehen, weil es mit dem “Erziehungsprogramm” nicht recht klappen will… Es fehlt meist schon an der Basis, die Hundeführer und Hund erst einmal erlangen müssen.

Wenn ich an einem Element der Erziehung oder Ausbildung arbeite, darf ich dabei nicht das Gesamtbild außer Acht lassen. Das bedeutet, es geht hier nicht nur um das verselbstständigte Jagen!

Jedes Mensch – Hunde – Gespann ist individuell in seinen Persönlichkeiten, Charakteristika, Vorstellungen, Grenzen, Erwartungen, Ausbildungsständen etc. pp.
„Erschwerend“ kommt hinzu, dass nicht nur die Gespanne zusammen individuell zu betrachten sind, sondern selbst die Zusammensetzung eben dieser – sprich: auch der Mensch und der Hund als Einzelwesen sind individuell.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass sie auch in unterschiedlichen Umweltbedingungen leben – der eine in einer überfüllten Großstadt, der andere in einer eher ländlichen, fast schon isolierten Umgebung.
Wenn man sich alleine diesen „Ball der Individualität“ ansieht, fällt es einem nicht schwer zu erkennen, dass es DIE Methode nicht geben kann, dass nicht alle Gespanne den gleichen Weg gehen können und das Gleiche machen wollen.

So macht es Sinn, zunächst als erstes nach einer gemeinsamen Basis zu streben, einer, auf der sich Mensch und Hund verständigen und verstehen können. Sowohl als Grundsatz allgemein, als auch die einzelnen Gespanne für sich.
Hier ist in erster Linie der Mensch gefordert, der als Grundvoraussetzung den Willen haben sollte, sich mit der „Welt der Hunde“ auseinander zu setzen. Dazu gehört nicht nur ein gegenseitiges Kennenlernen, und ein Verständnis für die Bedürfnisse und „Rechte“ der Hunde, sondern auch ein gewisses Maß an Wissen, was einen Hund ausmacht, warum er so ist wie er ist und ein Maß an Einfühlungsvermögen, die Auseinandersetzung mit einzelnen Lernformen und Verhalten, einzelne Schritte anzustreben und nicht den 1. Schritt vor dem 2. Schritt zu setzen, das Zusammenleben und den Trainingsstand immer wieder erneut zu reflektieren und zu beachten etc. ...

Eine Basis zu schaffen bedeutet, auf den Hund einzugehen, sich angemessen verständlich für ihn zu machen /auszudrücken und so ein Verhältnis zu schaffen, was eine Zusammenarbeit überhaupt ermöglicht. Ihn dort abzuholen, wo er gerade steht.

Bei einem Hund der sich ständig verselbstständigt (oder gar zuvor „Selbstversorger“ war, weil er auf den Straßen überleben musste), muss ich erst einmal danach streben, dahin zu kommen, dass der Hund mich als Führer wahrnimmt, ehe ich dazu übergehen kann, ihn dazu zu bringen, bei mir zu bleiben.
Kurz gesagt muss ich so was wie einen Grundstein legen, eine gemeinsame Ebene finden, auf der Mensch und Hund agieren können, ehe ich an das eigentliche Verhalten (welches ich ändern möchte) herantreten kann.

Nicht außer Acht lassen sollte man auch die menschliche Emotionalität, Normen und Wertvorstellungen. Oftmals muss man sich von ihnen lösen und den Hund erst einmal als Hund sehen lernen.
Hunde haben kein menschliches Denken, keine Vorstellungen davon, was wir als moralisch oder verwerflich sehen. Was es einigen Menschen sehr schwer machen kann, wenn der Hund etwas tut, was eigentlich durchaus hundetypisch ist, es aber nicht in die gängige Gesellschaftsform passt oder aufgrund der Umweltsituation nicht so ausgelebt werden kann.

Der Hund lebt idealer Weise eng mit dem Menschen zusammen und hat unter Umständen 24 Stunden am Tag Zeit, ihn zu beobachten und Strukturen zu durchschauen. Er lernt seinen Menschen kennen, seine Signale, die Körpersprache, die Tonlagen und lernt, ihn zu verstehen (wenn der Mensch durch sein Verhalten sich nicht als unberechenbar für ihn darstellt).
Anders herum sollte es genauso sein, dass der Mensch darum bemüht ist, den Hund durch den Vorteil des engen Zusammenlebens immer besser kennen zu lernen, ihn zu beobachten, wiederum seine Strukturen zu erfassen, seine Körpersprache „lesen“ zu lernen, so dass der Mensch ebenso idealer Weise dazu kommt, schon im Vorfeld zu wissen, was der Hund gleich tun wird, weil er gelernt hat, ihn zu verstehen und auf leiseste Zeichen von ihm zu achten.

Viele Hunde laufen ihr Leben lang unauffällig und scheinbar zufrieden im Kreise ihrer Familie umher. Die Besitzer haben augenscheinlich keine Probleme und sehen großzügig über das eine oder andere hinweg und die Welt ist schön! Da würde ich sagen: Glück gehabt?!
Es ist oftmals dem Hund zu verdanken, dass dieses System funktioniert, weil er so anpassungsfähig ist und optimalerweise gelernt hat, mit dem Menschen umzugehen.
Nicht jeder Hund wird zwangsläufig zum „Ressourcen – verteidigendem Monster“ oder zum Vollblutjäger, selbst wenn auch diese Anlagen vorhanden sind.
Sicherlich gibt es auch vereinzelnd Menschen, die einfach ein derart sicheres Gespür haben, dass sie auch ohne Hintergrundkenntnisse einen Hund gut führen und ein gutes Team darstellen.
Aber spätestens dann, wenn irgendwas nicht mehr so gut läuft und das Problem nicht mehr übersehen werden kann, der Leidensdruck entsprechend hoch ist, dann ist es soweit, dass eine Veränderung her muss.

Kommen wir auf das Beispiel des sich verselbstständigenden Hundes zurück, der unter Umständen unkontrolliert hetzt und jagt.
Da fangen wir nicht erst dann an mit ihm zu arbeiten, wenn der Hund schon neben der gerissenen Hirschkuh sitzt und uns ansieht, sondern schon im Vorfeld, nämlich am Anfang.
Wir schaffen eine Basis. Stimmt diese schon nicht, die Verbindung und Verständigung zwischen Mensch und Hund, dann werde ich nur schwer an des „Übels Kern“ herankommen. Dann nützen mir alle Theorien und Weisheiten nichts, weil ich sie mit dem Hund zusammen nicht umgesetzt bekomme.
Haben wir die Basis gefunden, gehen wir zum nächsten Schritt über auf den es ankommt. Denn im Alltag zeigt sich wirklich, wie gut Mensch und Hund harmonieren, aufeinander acht geben. Wenn wir uns schon im Alltag nicht als souveränen Hundeführer und als für den Hund verlässlich führend und lenkend erweisen können, wir uns nicht dafür interessieren, was der Hund so während der Runde zwischen den Bäumen treibt, wir ihn hauptsächlich sich selbst überlassen, dann können wir auch nicht verlangen, dass er im Zweifelsfalle bei „dem Problem“ wie durch ein kleines Wunder auf ein Abbruchkommando von uns hört und sich zuverlässig von seinem nicht erwünschten Verhalten abrufen lässt.
D.h., wir nutzen den Alltag, um genau dieses zu erreichen: eine Zuverlässigkeit im Gehorsam des Hundes.

Wir agieren statt reagieren indem wir nötige Kommandos etablieren, dem Hund klar machen, was wir wünschen und was unerwünscht ist, dass er ebenso auf uns zu achten hat und dergleichen mehr. Und gerade hier im Alltag lasse ich alle Elemente einfließen, die wichtig sind um ans erwünschte Ziel zu kommen, dem wirklichen Team. Schritt für Schritt. Und dabei geht es nach wie vor nicht allein und ausschließlich um das unerwünschte Jagen des Hundes…
Und hier liegt lediglich der Unterschied in der Vorgehensweise, die je nach Hund und Mensch bestimmt werden muss. Bei dem einen Hund muss ich dafür Sorge tragen, dass er sich gar nicht erst so sehr verselbstständigt, während ich bei dem anderen Hund vielleicht erst einmal die schon vorhandene Selbstständigkeit abbauen muss, ehe ich weiter arbeiten kann.
Aber weil ich mich schon während des Alltags mit dem Hund auseinander setze, kann ich es beim nächsten Mal - wenn wir uns wieder „dem Problem“ nähern -, besser timen, kann erkennen, wann er wieder durchstarten will und die Hirschkuh dadurch retten, dass ich meinen Hund rechtzeitig abrufe, weil er gelernt hat die Kommandos zuverlässig auszuführen.
Um es noch einmal deutlich zu sagen: ich agiere schon im Vorfeld! Nicht erst reagiere ich am Ende!

Ein weiterer, für mich wichtiger Punkt ist: es wird die ganze Zeit davon gesprochen, was nötig ist und sinnvoll, um den Hund am unerwünschten Jagdverhalten zu hindern. Das ist zwar gut und richtig, aber ebenso wichtig ist es, den Hund entsprechend seiner Anlagen zu fördern und zu fordern.
Warum soll ich mir als Mensch nicht den Beutetrieb des Hundes zu Nutzen machen, um ihn so hundegerecht zu führen und zu lenken?
Auch eines Jägers Hund wird nicht so einfach losgelassen in Feld und Flur. Vielmehr muss er zwar - je nach Einsatz des Hundes - selbstständig arbeiten, aber dieses ist nicht zu verwechseln mit unerwünschtem Jagen oder gar verselbstständigtem Agieren.
Nur ein gemeinsames Arbeiten / ein Zusammenarbeiten mit dem Menschen führt zum Ziel! Und Jagen bedeutet arbeiten - wenngleich es auch lustbetont ist.
Und anstatt ausschließlich zu trainieren, wie ich den Hund dazu bringe, etwas nicht zu tun, nutze ich die Chance und zeige ihm, was es bedeutet, mit mir zusammen zu arbeiten, um ans Ziel zu kommen - dieses kontrolliert und geführt!
Es gibt ja nun einige Möglichkeiten, den Hund entsprechend zu fordern, zu fördern und zu führen, sei es durch Reizangeltraining (Impulskontrolle), Fährten oder Dummytraining und dergleichen mehr. Aber nur wer zusammenarbeitet, kommt zum Ziel! Blinder Aktionismus ist hier nicht gefragt.
Genauso wenig, wie alleiniges Agieren seitens des Hundes.

Ein guter Grundgehorsam ist wichtig, durch die Arbeit kann ich noch exakter werden, noch exakter bedeutet noch besserer Gehorsam. Nicht gegeneinander und entgegen der einzelnen Bedürfnisse, sondern miteinander sollte das Ziel sein.
Und schlussendlich bestimmt der Führer, wann gearbeitet wird und wann nicht…!

© Cornelia Tillmann-Rogowski 2008 www.mensch-trifft-hund.de