Basis und Gesamtheit im Mensch-Hund-System
Wenn ich an einem Element der Erziehung oder Ausbildung arbeite, darf ich dabei nie das Gesamtbild / „das Ganze“ außer Acht lassen.Ein Walzer setzt sich auch aus mehreren Schritten zusammen, welche am Schluss - mit dem Beherrschen der einzelnen Schritte - einen ganzen Tanz ergibt. Ebenso spielt der Tanzpartner dabei eine wichtige Rolle, denn beherrscht er die Schritte nicht, wird der Tanz nur halb so gut aussehen.
Jedes Mensch – Hunde – Gespann ist individuell in seinen Persönlichkeiten, Charakteristika, Vorstellungen, Grenzen, Erwartungen, Ausbildungsständen etc. pp..
„Erschwerend“ kommt hinzu, dass nicht nur die Gespanne zusammen individuell zu betrachten sind, sondern selbst die Zusammensetzung eben dieser – sprich: auch der Mensch und der Hund als Einzelwesen sind individuell.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass sie auch in unterschiedlichen Umweltbedingungen leben – der eine in einer überfüllten Großstadt, der andere in einer eher ländlichen, fast schon isolierten Umgebung.
Wenn man sich alleine diesen „Ball der Individualität“ ansieht, fällt es einem nicht schwer zu erkennen, dass es DIE Methode nicht geben kann, dass nicht alle Gespanne den gleichen Weg gehen können und das Gleiche machen wollen.
So macht es Sinn, zunächst als erstes nach einer gemeinsamen Basis zu streben, einer, auf der sich Mensch und Hund verständigen und verstehen können. Sowohl als Grundsatz allgemein, als auch die einzelnen Gespanne für sich.
Hier ist in erster Linie der Mensch gefordert, der als Grundvoraussetzung den Willen haben sollte, sich mit der „Welt der Hunde“ auseinander zu setzen. Dazu gehört nicht nur ein gegenseitiges Kennenlernen, und ein Verständnis für die Bedürfnisse und „Rechte“ der Hunde, sondern auch ein gewisses Maß an Wissen, was einen Hund ausmacht, warum er so ist wie er ist und ein Maß an Einfühlungsvermögen, die Auseinandersetzung mit einzelnen Lernformen und Verhalten, einzelne Schritte anzustreben und nicht den 1. Schritt vor dem 2. Schritt zu setzen, das Zusammenleben und den Trainingsstand immer wieder erneut zu reflektieren und zu beachten etc. ...
Eine Basis zu schaffen bedeutet, auf den Hund einzugehen, sich angemessen verständlich für ihn zu machen /auszudrücken und so ein Verhältnis zu schaffen, was eine Zusammenarbeit überhaupt ermöglicht. Ihn dort abzuholen, wo er gerade steht.
Beispiele:
Bei einem ängstlichen Hund ist erst einmal die soziale Ebene gefragt, ich muss erst einmal soweit Vertrauen aufbauen, einen Zugang schaffen, um überhaupt an einem Problem arbeiten zu können. Da ist ein Leinenziehen seitens des Hundes oder sonst was zunächst nebensächlich, wenn der Hund nicht aus seiner Rolle der Angst hinaus kann.
(An dieser Stelle sei betont, dass es verschiedene Arten der Angst, der Aggressionen usw. gibt, die unterschieden werden müssen / können um eine exaktere Vorgehensweise zu bestimmen Aber dieser Text kann nicht alle Details erfassen und in aller Ausführlichkeit besprechen – vielmehr geht es hier erst einmal um Grundlegendes im Verstehen).
Bei einem Hund der sich ständig verselbstständigt (oder gar zuvor „Selbstversorger“ war, weil er auf den Straßen überleben musste), muss ich erst einmal danach streben, dahin zu kommen, dass der Hund mich als Führer wahrnimmt, ehe ich dazu übergehen kann, ihn dazu zu bringen, bei mir zu bleiben.
Kurzgesagt muss ich so was wie einen Grundstein legen, eine gemeinsame Ebene finden, auf der Mensch und Hund agieren können, ehe ich an das eigentliche Verhalten (welches ich ändern möchte) herantreten kann.
Nicht außer Acht lassen sollte man auch die menschliche Emotionalität, Normen und Wertvorstellungen. Oftmals muss man sich von ihnen lösen und den Hund erst einmal als Hund sehen lernen.
Hunde haben kein menschliches Denken, keine Vorstellungen davon, was wir als moralisch oder verwerflich sehen. Was es einigen Menschen sehr schwer machen kann, wenn der Hund etwas tut, was eigentlich durchaus hundetypisch ist, es aber nicht in die gängige Gesellschaftsform passt oder aufgrund der Umweltsituation nicht so ausgelebt werden kann.
Der Hund lebt idealerweise eng mit dem Menschen zusammen und hat unter Umständen 24 Stunden am Tag Zeit, ihn zu beobachten und Strukturen zu durchschauen. Er lernt seinen Menschen kennen, seine Signale, die Körpersprache, die Tonlagen und lernt, ihn zu verstehen (wenn der Mensch durch sein Verhalten sich nicht als unberechenbar für ihn darstellt).
Anders herum sollte es genauso sein, dass der Mensch darum bemüht ist, den Hund durch den Vorteil des engen Zusammenlebens immer besser kennen zu lernen, ihn zu beobachten, wiederum seine Strukturen zu erfassen, seine Körpersprache „lesen“ zu lernen (beispielsweise nicht jedes Schwanzwedeln bedeutet zwangsläufig, dass er freundlich gestimmt ist und dergleichen mehr), so dass der Mensch idealerweise dazu kommt, schon im Vorfeld zu wissen, was der Hund gleich tun wird, weil er gelernt hat, ihn zu verstehen und auf leiseste Zeichen von ihm zu achten.
Viele Hund laufen ihr Leben lang unauffällig und scheinbar zufrieden im Kreise ihrer Familie umher. Die Besitzer haben augenscheinlich keine Probleme und sehen großzügig über das eine oder andere hinweg und die Welt ist schön! Da würde ich sagen: Glück gehabt?!
Es ist oftmals dem Hund zu verdanken, dass dieses System funktioniert, weil er so anpassungsfähig ist und optimalerweise gelernt hat, mit dem Menschen umzugehen. Nicht jeder Hund wird zwangsläufig zum „Ressourcen – verteidigendem Monster“ oder zum Vollblutjäger, selbst wenn auch diese Anlagen vorhanden sind.
Sicherlich gibt es auch vereinzelnd Menschen, die einfach ein derart sicheres Gespür haben, dass sie auch ohne Hintergrundkenntnisse einen Hund gut führen und ein gutes Team darstellen.
Aber spätestens dann, wenn irgendwas nicht mehr so gut läuft und das Problem nicht mehr übersehen werden kann, der Leidensdruck entsprechend hoch ist, dann ist es soweit, dass eine Veränderung her muss.
In Ausnahmefällen kann ich das eine oder andere Problemverhalten recht isoliert betrachten und ausschließlich daran arbeiten, doch wenn wir uns an den Walzer erinnern, dann wird schnell klar, dass eines auf das andere aufbaut und es ein „fließender“ Prozess ist, alles ineinander geht und so zu einem Ganzen wird - dem Zusammenspiel einzelner Punkte. So macht es also keinen Sinn mehr, das Problem generell isoliert zu betrachten.
Wenn wir es wie eine Kette sehen, aneinander gereiht, dann haben wir einen Anfang und ein Ende – das letzte Glied.
Den Anfang ersetzen wir durch die Basis, den Mittelteil durch Alltag / Erziehung / Übung und gemeinsames Wachsen, so dass das letzte Glied der Kette das behobene Problem und ein gutes Miteinander bedeutet.
Kommen wir auf das Beispiel des sich verselbstständigenden Hundes zurück, der unter Umständen sogar unkontrolliert hetzt und jagt.
Da fangen wir nicht am letzten Glied der Kette an, wenn der Hund schon neben der gerissenen Hirschkuh sitzt und uns ansieht, sondern schon im Vorfeld, nämlich am Anfang.
Wir schaffen eine Basis. Stimmt diese schon nicht, die Verbindung und Verständigung zwischen Mensch und Hund, dann werde ich nur schwer an des „Übels Kern“ herankommen. Dann nützen mir alle Theorien und Weisheiten nichts, weil ich sie mit dem Hund zusammen nicht umgesetzt bekomme.
Haben wir die Basis gefunden, gehen wir zum Mittelteil über, auf den es eigentlich ankommt. Denn im Alltag zeigt sich wirklich, wie gut Mensch und Hund harmonieren, aufeinander acht geben.
Wenn wir uns schon im Alltag nicht als souveränen Hundeführer und als für den Hund verlässlich führend und lenkend erweisen können, wir uns nicht dafür interessieren, was der Hund so während der Runde zwischen den Bäumen treibt, wir ihn hauptsächlich sich selbst überlassen, dann können wir auch nicht verlangen, dass er im Zweifelsfalle bei „dem Problem“ wie durch ein kleines Wunder auf ein Abbruchkommando von uns hört und sich zuverlässig von seinem nicht erwünschten Verhalten abrufen lässt.
D.h., wir nutzen den Mittelteil, um genau dieses zu erreichen: eine Zuverlässigkeit im Gehorsam des Hundes.
Wir agieren statt reagieren indem wir nötige Kommandos etablieren, dem Hund klar machen, was wir wünschen und was unerwünscht ist, dass er ebenso auf uns zu achten hat und dergleichen mehr. Und gerade hier im Alltag lasse ich alle Elemente einfließen, die wichtig sind um ans Ende der Kette zu kommen, dem wirklichen Team. Schritt für Schritt.
Und hier liegt lediglich der Unterschied in der Vorgehensweise, die je nach Hund und Mensch bestimmt werden muss. Bei dem einen Hund muss ich dafür Sorge tragen, dass er sich gar nicht erst so sehr verselbstständigt, während ich bei dem anderen Hund vielleicht erst einmal die schon vorhandene Selbstständigkeit abbauen muss, ehe ich weiter arbeiten kann.
Aber weil ich mich schon während des Alltags mit dem Hund auseinander setze, kann ich es beim nächsten Mal - wenn wir uns wieder „dem Problem“ nähern -, besser timen, kann erkennen, wann er wieder durchstarten will und die Hirschkuh dadurch retten, dass ich meinen Hund rechtzeitig abrufe, weil er gelernt hat die Kommandos zuverlässig auszuführen.
Um es noch einmal deutlich zu sagen: ich agiere schon im Vorfeld! Nicht erst reagiere ich am Ende!
Das letzte Glied der Kette ist jedoch wieder gleich, da treffen sich alle wieder: ein gutes Team zu sein.
Der Walzer und die Kette, sie sind das Ganze! Es ist ein Geben und ein Nehmen, ein gegenseitiges Grenzen setzen und Freiheiten lassen. Es ist die Summer der Gesamtheit, es sind die einzelnen Mosaiksteine, die am Ende ein Bild ergeben.
Bin ich mir dessen bewusst, dass alles ineinander fließt, dass alles miteinander zu tun hat, immer wieder reflektiere und meine Chancen nutze, dann ist es gar nicht so schwer, zu einem guten Team zu werden.
© Cornelia Tillmann-Rogowski 2007 www.mensch-trifft-hund.de
Texte zum download
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