Kann der Hund hellsehen?
Menschen und Hunde sprechen unterschiedliche Sprachen. Während sich der Mensch auf der verbalen (= sprachlichen, auf Worten basierenden) Ebene verständigt und das Gefühl für den nonverbalen (= körpersprachlichen, ohne Worte) Ausdruck mehr und mehr verloren geht, ist es bei dem Hund genau anders herum.
Zwar verfügen Hunde auch über Laute, mit denen sie sich verständigen können, aber vielmehr sind es die körpersprachlichen Ausdrucksformen, die überwiegen und entsprechend gewichtiger sind.
Alleine dieser Umstand kann es einigen Menschen schwer machen, mit ihrem Hund verständlich umzugehen. Sie sind sich nicht dessen bewusst, was sie mit ihrem Körper ausdrücken, während sie Worte sprechen, deren Bedeutung sie nur als Mensch kennen.
Als ob dieses nicht schon genug sei, so erwartet der Mensch allzu häufig, dass ihr Begleiter Hund nahezu hellseherische Fähigkeiten besitzen muss. Dieses geschieht nicht in böser Absicht, aber achten Sie mal darauf, wie oft Sie im Alltag nur den Namen ihres Hundes rufen und was dann passiert… Nichts? Wundert mich nicht.
Auch wenn es so ist, dass sich der Hund aufgrund seiner Domestikation dem Menschen anschließt (sofern er die Chance dazu bekommt), die Ausdrucksform und den Grundgehorsam nimmt er nicht automatisch mit der Muttermilch in seine Blutbahnen auf. Den Umgang mit Menschen muss der Hund auch erst lernen. Dabei ist uns der Hund um einiges überlegen und schneller als der Mensch, weil er sich als äußerst anpassungsfähiger Begleiter herausgestellt hat, der gut darin ist, das Ausdrucksverhalten der Menschen zu beobachten und er bemüht ist, ihn verstehen zu wollen. Trotzdem muss ich dem Hund aber auch erst zeigen und beibringen, was ich von ihm möchte oder was er besser zu unterlassen hat.
Stellen Sie sich vor, sie würden gerade einer interessanten Beschäftigung nachgehen oder einer Tätigkeit, bei der Sie sich konzentrieren müssen. Jetzt kommt die Stimme aus dem Hintergrund:
„Hilde?“
Pause
„Hilde?!“
die Stimme wird lauter und dringlicher, aber es folgt nichts weiter – wieder Pause
„HILDEGART!“
die Stimme ruft Sie laut, fordernd und nahezu wütend, doch wieder folgt nichts weiter als eine Pause
Am Anfang Ihrer Beziehung haben Sie sicherlich sofort ihre Tätigkeit unterbrochen und sind zu der Person die Sie ruft hingegangen, um zu erfahren, was diese von Ihnen möchte.
Doch je öfter Sie erfahren haben, dass es nicht so dringend ist, desto weniger haben Sie sofort reagiert.
Irgendwann rufen Sie einfach nur noch ein entnervtes
„WAS!“
zurück, ohne Ihre Tätigkeit zu unterbrechen und um erst einmal abzuwarten, was da nun folgt und ob es sich überhaupt lohnt, weiteren Kontakt aufzunehmen und vor allem aufrecht zu erhalten. Oder Sie reagieren schlicht gar nicht mehr darauf, weil Sie es leid sind, dass man Sie stets mit ihrem Namen ruft, aber dann doch nichts weiter folgt.
Umso erstaunlicher, dass der Mensch glaubt, mit dem einfachen Rufen oder Aussprechen des Hundenamens weiß dieser, was er zu tun hat. Wenn ich „Rufus!“ rufe, woher soll der Hund wissen, dass ich nun möchte, dass er sich hinsetzt, hinstellt, einfach zu mir kommt oder weiterläuft?
Wenn Sie Ihren Hund mit Namen ansprechen um Kontakt aufzunehmen, dann sagen, besser noch zeigen Sie ihm, was Sie von ihm wünschen. Ansonsten kann er nur Rätselraten oder gar Hellsehen und versuchen, Ihre Wünsche herauszufinden. Vielleicht trifft er ja die richtige Ausführung? Vielleicht auch nicht und es ist dann dafür aber auch schon zu spät, weil er versucht hat die Bundesstraße zu überqueren… Oder er wird irgendwann gar nicht mehr auf seinen Namen reagieren.
An dieser Stelle kommt dann häufig der Satz: „Aber mein Hund versteht mich ganz genau und weiß, was ich möchte!“ Aha?! Weiß er das wirklich? Wenn Sie ein solch eingespieltes Team sind, dann freut mich das aufrichtig, aber in den meisten Fällen ist hier der Wunsch der Vater des Gedanken.
Da Strukturen und gleichbleibende Abläufe durchaus erkannt und verinnerlicht werden können, kommt es seitens des Hundes oftmals zu einem automatisierten Reagieren / Verhalten oder auch zu Erwartungshaltungen. Dieses wirkt auf den Menschen durchaus so, als wüsste der Hund, was richtig und was falsch ist. Doch nur, weil er beispielsweise gelernt hat, dass er sich nach dem Herankommen hinzusetzen hat und dieses automatisch zeigt, ohne dass sie ihn jedes Mal neu dazu auffordern müssen, heißt das noch nicht, dass er auch in anderen Situationen weiß, was sie von ihm wünschen, wenn Sie ihn rufen.
Oder nur, weil er erkennt, dass Sie jetzt mit ihm spazieren gehen möchten und er sich freut, heißt das nicht, dass er weiß, dass er bei Ihnen bleiben soll.
Natürlich ist es so, dass Sie sich im Laufe Ihres Zusammenlebens immer besser kennen lernen und der Hund Sie durchaus zu lesen lernt. So klappt vieles, ohne dass Sie Ihrem Hund andauernd neue Kommandos geben müssen. Aber noch immer kann Ihr Hund nicht Hellsehen.
Der Hund lernt immer zu, aber er kann nur das zeigen, was er gelernt hat. Denken Sie daran, wenn Sie von Ihrem Hund etwas verlangen – kann er dieses überhaupt ausführen? Haben Sie ihm denn schon gezeigt, was Sie von ihm wünschen, ehe Sie die Ausführung erwarten oder gar, dass der Hund schon wisse, was richtig oder falsch ist?
Das gilt sowohl für die Situationen, in denen der Hund etwas tun soll, als auch für die Situationen, in denen er etwas zu unterlassen hat.
Wie anfangs im Text schon erwähnt, spielt die Körpersprache des Menschen eine große Rolle im Umgang mit dem Hund. Achten Sie einmal bewusst darauf, was Ihr Körper gerade aus Sicht des Hundes ausdrückt. Vielleicht signalisiert Ihr Körper dem Hund, dass jetzt was ganz Tolles passiert und Sie bereit sind, ein Wettrennen zu veranstalten, während Sie aber eigentlich von ihm wünschen, dass er sich hinlegt und ruhig abzuwarten hat? Oder Sie sind beim Rufen des Namens so wütend geworden, weil der Hund nicht zu Ihnen kommt, dass Sie schon eine bedrohliche Körperhaltung eingenommen haben und der Hund gar nicht kommen kann, weil er sich nicht traut, sich Ihnen zu nähern.
Je deutlicher Sie in Ihrem Ausdrucksverhalten sind, desto schneller wird Sie Ihr Hund verstehen und umsetzen können, was Sie von ihm wünschen. Vorausgesetzt, Sie nennen ihn nicht immer nur beim Namen und lassen ihn danach nicht alleine, weil nichts weiter folgt.
© Cornelia Tillmann-Rogowski 10/2008
www.mensch-trifft-hund.de