Animal Hoarding

Inside Animal Hoarding: The Case of Barbara Erickson and Her 552 Dogs

Vorab möchte ich mitteilen, dass bisher in Deutschland durchgeführte Studien / ausführlichere Ausarbeitungen und Veröffentlichungen meines Wissens nach vorrangig bis ausschließlich von Seiten der Veterinärmedizin existieren. Dieses ist nachvollziehbar, da hier der Leidensdruck am Größten ist und Animal Hoarding – Fälle Unsummen an Geld benötigen. 

Es ist bisher kein Fall bekannt, bei dem ein Psychiater / Psychologe einen Animal Hoarder von Anfang an begleitet hat und erfolgreich eine Therapie abschließen konnte. Im Weiteren Verlauf wird deutlich, dass dieses auch nahezu unmöglich ist, da Animal Hoarding selbst zum einen nicht als alleiniges Krankheitsbild in Deutschland anerkannt ist, es sogar schwer einzuordnen ist, ob es als Syndrom oder als Symptom gelten sollte und zudem im Humanbereich weniger bekannt ist und berücksichtigt wird als vermutet. Hier ein Hilfeangebot zu schaffen oder gar zu installieren ist aus vielerlei Sicht ein Mammutprojekt.

Gerade scheinen – subjektiv wahrgenommen – wieder mehr Fälle bekannt zu werden und da nach Veröffentlichung der Mißstände immer wieder fassungsloses Staunen darüber vorherrscht, wie es dazu kommen konnte, warum denn niemand etwas mitbekommen hat und warum nichts geschieht, versuche ich hier zu verdeutlichen, was es u.a. so schwer macht, adäquat mit dem Animal Hoarding umzugehen.

Ein paar Eckdaten zum „Animal Hoarding“

Direkt übersetzt bedeutet “animal” = Tier und “hoarding” = horten / sammeln.

Weiter meint “Animal Hoarding” das pathologische (=krankhafte) Sammeln von Tieren. Dieses  ist in Deutschland als Krankheitsbild bisher nicht anerkannt. Wenngleich unübersehbar ist, dass hinter diesem Verhalten eine ernst zu nehmende psychische Erkrankung steckt.

Nun ist nicht jeder, der mehrere Tiere hält, direkt ein Hoarder. Vielmehr sind nach Professor Dr. Patronek (1999) folgende Kriterien von Bedeutung:

  • Es werden Tiere in einer überdurchschnittlich großen Anzahl gehalten.
  • Minimale Standards können nicht eingehalten werden. Es mangelt an Futter, Wasser, Hygiene, Pflege und tierärztlicher Betreuung / Versorgung. Aus dieser Vernachlässigung resultierend sind die Tiere oftmals in einem schlechten gesundheitlichen Zustand und / oder verhungern.
  • Der Halter der Tiere ist nicht oder nur sehr eingeschränkt in der Lage zu erkennen, dass er der Situation nicht gewachsen ist und es den Tieren in seiner Obhut schlecht geht.
  • Trotz dieser Situation und seines “Misserfolges” wird der Hoarder weitere Tiere ansammeln.

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Grundsätzlich ist Animal Hoarding nicht an Alter, Geschlecht, Bildung, familiären Stand oder an einer möglichen sozialen Benachteiligung gebunden. Die 1997 in den USA gegründete interdisziplinäre wissenschaftliche Arbeitsgruppe HARC (Hoarding of Animals Research Consortium) gibt an, dass es selbst unter Ärzten, Sozialarbeitern und Tierärzten Hoarder gegeben hat.

In seiner 1999 veröffentlichen Studie zeigt Patronek allerdings auf, dass statistisch gesehen:

  • 76 % der Animal Hoarder Frauen waren
  • 46,3 %  60 Jahre alt oder älter waren (37 % waren zwischen 40 und 59 Jahre alt und 11,1 % waren jünger als 40 Jahre)
  • 72,2 %  Single, geschieden oder verwitwet waren
  • 55,6 % alleine lebten
  • 14,8 % verheiratet waren oder mit einem Partner zusammen lebten

Die aktuelleren Zahlen aus Deutschland zeigen sich in der groben Richtung ähnlich. Sperlin (2012) und Deutscher Tierschutzbund e.V. (2018) gaben an, dass die Hauptaltersgruppe zwischen 40 und 60 Jahren lag und der Anteil der Frauen am Höchsten war.

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Selbst wenn es Zwischenformen gibt und diese ineinander übergehen können, eine Abgrenzung in einigen Fällen sogar unmöglich scheint, so kann doch zwischen verschiedenen “Typen” von Hoardern unterschieden werden:

  • “Der Pflegertyp”: die Tiere haben einen hohen Stellenwert für ihn und anfangs sorgt er gut für sie. Doch mit zunehmender Anzahl “wächst ihm die Situation über den Kopf”. Er sammelt nicht so sehr aktiv, versäumt es aber durch fehlende Geschlechtertrennung und Kastration die unkontrollierte Vermehrung zu verhindern. Das Problem wird zwar nicht gänzlich verleugnet, durch ihn aber herunter gespielt. Dieser Typ lebt meist sozial isoliert.
  • “Der Rettertyp”: er ist der festen Überzeugung, dass es den Tieren nur bei ihm gut geht. Er hat eine nahezu missionarische Sammeltendenz, sammelt die Tiere aktiv und kann kein Tier ablehnen. Irgendwann macht es ihm die Anzahl der Tiere unmöglich, sie adäquat zu versorgen. Dabei führt er häufig ein “normales” Sozialleben und schafft es, die Behörden zu täuschen. Er leidet meist selbst unter (Todes-) Angst und versucht diese durch die “Rettung” der Tiere zu kompensieren. Des Weiteren lehnt er die Euthanasie (auch bei schwer leidenden und unheilbar kranken Tieren) strikt ab.
  • “Der Züchtertyp”:  wollte ursprünglich Tiere züchten, sie auf Ausstellungen vorstellen und verkaufen. Irgendwann hat er aber aufgrund der sich vermehrenden Tiere und der damit verbundenen Vielzahl den Überblick verloren.
  • “Der Ausbeutertyp”: er sammelt die Tiere aktiv aus eigennützigen Gründen (z.B. Statussymbol). Dabei ist er narzisstisch veranlagt, hat keine emotionale Bindung zum Tier und ebenso wenig Schuldbewusstsein über das Leid der Tiere. Er versucht, behördliche Auflagen zu umgehen und schafft es durch sein überzeugendes und sprachgewandtes Auftreten Behörden und der Außenwelt etwas vorzuspielen. (Patronek et.al)

„Animal Hoarding“ als Krankheitsbild

Das typische Bild eines Animal Hoarders ist das der älteren Dame, welche zurückgezogen in einem kleinen Haus lebt und viel zu viele Tiere zu haben scheint. Im günstigsten Fall gilt sie als ein wenig “verschroben” und ihre Tierliebe sei sicherlich ein bisschen (und mehr) aus den Fugen geraten. Im schlechtesten Fall gerät sie mit einer falschen Diagnose in die Mühlen der Psychiatrie, ohne dass der wirkliche Hintergrund erkannt und behandelt wird. Wird sie dann entlassen, beginnt das Animal Hoarding von Vorne.

Dass es nicht nur den klassischen Fall der isoliert lebenden älteren Dame mit einer übersteigerten Tierliebe gibt, habe ich bereits aufgeführt. Vielmehr tritt Animal Hoarding mit einer Vielfalt an unterschiedlichen körperlichen und psychischen Erkrankungen auf, bzw. wird von diesen ausgelöst. (Patronek, Lear, Nathason, 2006; Ofensberger, 2009).

Im Rahmen ihrer Studie zur aktuellen Situation in Deutschland, führte Sperlin (2012) eine Befragung der Amtsveterinäre durch. In mehr als einem Drittel der Fälle wurde eine seelische Erkrankung angegeben. 

Dabei wurden die Zwangsstörung, die Alkoholabhängigkeit und die Depression an erster Stelle benannt. Auffällig hier ist, dass „Andere“ (psychische Erkrankungen, ohne genauere Eingrenzung) prozentual hoch angegebenen wurden.

Darüber hinaus wurden diese mehrfach bei den Tierhaltern vermutet, aber nicht weiter verfolgt. Über die Art der seelischen Erkrankungen wurde insgesamt verhalten geantwortet.

Interessant ist, dass tatsächlich die Zwangsstörung an erster Stelle benannt wurde, während das Vermüllungssyndrom wesentlich weniger vertreten war, als erwartet. Wobei aus meiner Sicht zu berücksichtigen wäre, dass das Horten bis 2013 als ein Symptom von Zwangserkrankungen galt. Erst mit der Neuerscheinung des DSM V wurde es eigens benannt. Störungen wie bspw. Trichotillomanie (Hair-Pulling Disorder), Skin-Picking Disorder und ähnlichen Erkrankungen sind nun in einem neuen Kapitel, den sog. Obsessiv-Compulsive and Related Disorders aufgeführt. Unter anderen ist in diesem Kapitel auch das Störungsbild Hoarding Disorder aufgenommen und explizit benannt worden. Mit dieser einzigartigen Diagnose im DSM V soll das allgemeine Bewusstsein vergrössert und eine Identifikation erleichtert werden. Darüber hinaus soll es zu weiterer Forschung und zu Entwicklungen von spezifischen Behandlungen anregen.

In der ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist das pathologische Horten nicht explizit als Störungsbild aufgeführt.

Erwähnenswert ist hier außerdem, dass sich das Animal Hoarding noch einmal vom bisherigen Verständnis des Hortens im Kontext von Zwangsstörungen abgrenzt. So besteht ein wichtiger Unterschied darin, dass es sich hier nicht um ein derart gelagertes zwanghaftes Verhalten handelt, wie z.B. beim Waschzwang oder dem Kontrollieren von Türen, dem Einhalten von Reihenfolgen, etc. (s.h. auch HARC, o.J.).

Weiter gilt es zu berücksichtigen, dass es für das Veterinäramt/die Veterinärmediziner eine sekundäre Rolle spielt, ob es sich beim Animal Hoarding um eine seelische Erkrankung oder ein Symptom handelt. Sie sind weder Humanmediziner, noch Psychologe oder -Therapeut. Zwar wird punktuell versucht, andere Behörden mit einzubeziehen (beispielsweise der sozialpsychiatrische Dienst), aber in dem Moment, wo der Betroffene in ein anderes Bundesland und somit in eine andere Zuständigkeit umzieht oder verstirbt, wird der Fall beim jeweiligen Amt geschlossen.

Ein großes Problem stellt der Unwillen vieler Betroffener dar, die angebotenen Hilfen anzunehmen. Zwar ist eine weiterführende psychologische, psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung unbedingt anzustreben, aber ohne die Zustimmung des Tierhalters ist dieses nur schwer möglich. Eine im Grundrecht gesicherte Selbstbestimmung beinhaltet auch das Recht auf Verwahrlosung. So ist es nicht ungewöhnlich, dass Animal Hoarder aufgrund anderer Delikte zur Rechenschaft gezogen werden, das eigentliche Problem aber nicht behoben werden kann. Die Rückfallquote nach Zwangsräumungen oder Beschlagnahmungen der Tiere ist immens hoch. Durch die mangelhafte Vernetzung der Behörden, kann sich der Hoarder durch Umzüge in andere Bundesländer einer weiteren Beobachtung entziehen und quasi von Vorne anfangen.

Spannend wäre sicherlich, diese Umfrage einmal an anderer Stelle (sozialpsychiatrischer Dienst, Psychotherapeuten etc.) durchzuführen. Was wiederum voraussetzen würde, dass dieses Problem bei den entsprechenden Stellen bekannt wäre und eine bessere Zusammenarbeit stattfinden würde.

Nachdem wir nun einen groben Überblick haben, was Animal Hoarding eigentlich ist, hier nochmal ein paar Ausführungen dazu, warum es so schwer ist, adäquat damit umzugehen.

Doch was genau macht es so schwer?

Das, was es hier so schwer nachvollziehbar bis unverständlich macht ist, dass wir es mit weiteren Lebewesen zu tun haben, die mit in das Leid des Menschen gezogen werden, wenngleich es sie eigentlich sind, die es zu schützen gilt. Das Leid potenziert sich ins Unermessliche und ist zudem mit ganz viel Emotionalität verknüpft. 

Hier schreibe ich ganz klar aus Sicht der Sozialarbeiterin!

  • Es existiert schlicht kein entsprechendes Hilfenetz und auch keine ausreichende Netzwerkarbeit

Es gibt Spezialisten im Humanbereich und Spezialisten im Veterinärbereich. Es gibt keine übergreifende Ausbildung, in der beide Bereiche abgedeckt werden können. Wie denn auch, wenn es bisher nicht anerkannt ist und wenig / keine verwertbare Studienergebnisse aus dem Humanbereich vorliegen? Menschen, welche im sozialen Bereich arbeiten und zudem noch in den Bedürfnissen der „Tierwelt“ Einblicke haben oder sich intensiver damit auseinandersetzen, sind äußerst selten (und ich scheine da die Ausnahme zu sein, weil ich in beiden Bereichen aktiv arbeite). Es sind meist eigens gesetzte Schwerpunkte oder welche, die sich innerhalb der Arbeit heraus kristallisieren.

Wie weiter oben beschrieben, spielt es für den Veterinärmediziner eher eine sekundäre Rolle, ob bei dem Halter eine psychische Erkrankung vorliegt oder nicht. Er hat sich um das Wohl der Tiere zu kümmern und wenn ein sozialpsychiatrischer Dienst hinzugezogen wird, dann eher aufgrund des allgemeinen Verwahrlosungszustandes und zu einem Zeitpunkt, in dem die Fronten schon verhärtet sind. Und nur, weil dieser gerufen wurde, heisst es noch nicht, dass die Mitarbeiter auch Zutritt, geschweige denn einen Zugang zum betroffenen Menschen bekommen (s.h. nachfolgende Ausführungen).

Auch die Behörden untereinander sind nicht gut vernetzt. Wie schon erwähnt, kann sich der Hoarder in ein anderes Bundesland begeben und ist somit erst einmal „runter vom Radar“.

Ein entsprechendes Hilfenetz zu schaffen, es zu installieren und „es erst gar nicht soweit kommen zu lassen“ ist nicht so einfach, wie man allgemeinhin denkt.

  • Jeder hat das Recht auf „Verwahrlosung“ und Privatsphäre

Ja, es ist tatsächlich so: das eigene Recht auf „Versiffen“ (oder auch Verwahrlosung bis zu einem gewissen Punkt) ist im Grundgesetz verankert, da dieses zur Selbstbestimmung gehört. Ich kann niemanden zwingen, einmal am Tag zu duschen, sich die Zähne zu putzen oder regelmässig aufzuräumen und sauber zu machen. Ganz unabhängig von vorherrschender Moral und Ethik, Meinung oder was auch immer: erst wenn ein so hoher Grad der Verwahrlosung erreicht ist, dass man dadurch zu der Überzeugung gelangt, dass hier eine Eigengefährdung oder auch Fremdgefährdung vorliegt, kann ich als Sozialarbeiter oder Behörde eingreifen. Doch dafür muss es erst einmal bekannt werden.*

Nehmen wir als Beispiel eine sogenannte „Messi-Wohnung“: sofern der Betroffene selbst keinen Leidensdruck hat und eigenständig Hilfe sucht (was die absolute Ausnahme darstellt), ist ein Eingreifen meist erst dann möglich, wenn der Bewohner der Wohnung aufgrund der hygienischen Situation (z.B. Bad und Küche nicht mehr nutzbar, Fäkalien, Ungeziefer, etc.) Erkrankungen wie beispielsweise der Haut oder Atemwege entwickelt und dadurch selbst in Gefahr gerät, ernsthaften Schaden davon zu tragen ohne sich dessen bewusst zu sein oder einen Handlungsbedarf zu sehen. Oder aber, wenn Gefahr droht, dass er selbst von den angesammelten Gegenständen erschlagen wird, Feuer am Grund des Unrats entstehen könnte, die Statik des Hauses / der Wohnung nicht mehr standhalten könnte etc. Viel häufiger ist es allerdings so, dass aufgrund des Gestankes, der Ungeziefer und Co das Ordnungsamt gerufen wird und so erst die Mißstände entdeckt werden. In der Regel wird dann auch der sozialpsychiatrische Dienst hinzu gezogen. Zwangsräumungen ohne begleitende Therapie des Betroffenen haben keinen dauerhaften Erfolg, vielmehr wird direkt weiter gesammelt. Der Betroffene kann nicht anders!

Hinzu kommt, dass ein jeder das Recht auf Privatsphäre hat und mir weder die Tür öffnen, noch mich hereinlassen muss, es sei denn es besteht ein dringender Verdacht (der ja vorher in irgendeiner Form gerechtfertigt sein muss, pure Vermutungen reichen da nicht unbedingt aus), es ist Gefahr in Vollzug und / oder ich habe einen richterlichen Beschluss.                   
Das ist im Umkehrschluss gar nicht so verkehrt, denn stellt Euch vor, dass alle fünf Stunden das Ordnungsamt bei Euch vor der Tür steht und mal eben gucken will, wie Ihr so lebt und was Ihr gerade so macht…

* Eine Einschränkung gibt es natürlich bei Kindern, denn sie stehen unter dem besonderen Schutz (auch des Staates) und hier ist nachvollziehbar wesentlich schneller eine Gefährdungsgrenze erreicht.

  • In Deutschland gibt es kein Gesetz, welches bei Privathaltern eine Höchstzahl an Tieren festlegt.

Und das ist sicherlich auch gut so, denn es würde eine Einschränkung der persönlichen Entfaltung bedeuten. Ich möchte selbst entscheiden, ob ich einen, zwei, fünf oder mehr Hunde halte. Oder etwas überspritzt formuliert und man stelle sich vor, es gäbe diese Beschränkung: soll ein Reptilienhalter, welcher Maden als Futtertiere verabreicht und entsprechend „züchtet“, täglich seinen Bestand an Maden durchzählen und eine Inventur machen? Tier ist Tier….                          

Einschränkungen erfolgen – wenn überhaupt – durch Mietverträge, welche beispielsweise eine Höchstzahl an genehmigten Hunden vorgibt. Nager- und sonstige Kleintiere sind nicht meldepflichtig, dementsprechend kann ich rein theoretisch so viele davon halten, wie ich will. Eigenheime oder abgeschiedene Örtlichkeiten haben kaum bis gar keine Kontrollinstanz.

Davon ab: wer vermag es denn zu beurteilen, wie viele Hunde ich beispielsweise halten möchte / sollte / dürfte? Wann ist der Punkt erreicht? Auch dieses ist schwer zu benennen, denn während der eine vielleicht zehn Hunde hat, die aus seiner Sicht „leichtführig“ sind und er somit noch nicht an seine Grenzen kommt, hat ein anderer nur zwei, welche eventuell etwas anstrengender sind und ihm deutlich machen, dass mehr nicht geht. Hinzu kommt die eigene Anspruchs- und Erwartungshaltung, welche an die Tiere und deren Haltung geknüpft sind. Die eigene Lebenssituation, das Management, der Trend zur Mehrhundehaltung usw.. DOCH VORSICHT: Ein Zustand der Überbelastung, Überforderung ist ja nun nicht unbedingt etwas, was innerhalb von zwei Stunden oder über Nacht da ist, sondern stellt vielmehr einen schleichenden Prozess mit ganz vielen Facetten dar. Diesen gilt es erst einmal als solchen wahrzunehmen, sowohl beim Betroffenen selbst als auch in seiner Umgebung!      
Bis aus diesem „mulmigen Gefühl“ ein Mißstand wird, der dann mit Pauken und Trompeten in der Presse erscheint, ist meist schon viel Zeit verstrichen.

Erst wenn aus der Privathaltung eine gewerbliche wird, dann gibt es gesetzliche Vorgaben, welche eingehalten werden müssen. Inwieweit diese tatsächlich kontrolliert werden und wie engmaschig dieses geschieht, vermag ich an dieser Stelle nicht zu beurteilen.

  • Die Tiere sind leicht verfügbar

Selbst wenn grundsätzlich jedes Tier Opfer von Animal Hoarding werden kann, so schaue man sich jetzt nur mal das „Überangebot“ von Hunden, Katzen und Nagern an. Schon Patronek et.al. gaben an, dass ein möglicher Grund, warum es vorrangig diese Tiere betrifft, in der leichten Verfügbarkeit eben dieser liegt. Um beispielsweise einen Hund zu bekommen, muss ich nur mal in hiesigen Kleinanzeigen-Portalen schauen. Hunde und Katzen werden zu Hauf angeboten. Wenn man es drauf ankommen lässt, wird man in den sozialen Netzwerken wie Facebook nahezu erschlagen von Vermittlungsgesuchen „armer Tierseelen“, hilfebedürftiger Hunde & Co. Es gibt unzählige Tierschutzorganisationen, Pflegestellensuchende usw.. Eine wunderbare Plattform mit ungeahnten Möglichkeiten. Sowohl, um etwas Gutes zu erreichen, als auch um etwas darzustellen, was im realen Leben ganz anders aussehen mag. Segen und Fluch zugleich….                     

Hinzu kommt die einfache und schnelle Reproduzierbarkeit dieser Tiere.

  • Jeder hat das Recht auf seine eigene Erkrankung

Zugegeben ist das schon ein bißchen plakativ. Aber Syndrom, Symptom, psychische Erkrankungen, deren Auswirkungen, Erkennbarkeit, der Umgang mit diesen…, da kann einem schonmal der Überblick abhanden kommen und der Schädel rauchen. 

Da könnte man sagen: „Sollen sich doch die Ärzte darum bemühen und hier Klarheit schaffen. Animal Hoarder haben doch einen „am Wandern“ und gehören verknackt!“ So einfach ist das aber nicht!

Wie oben erwähnt, tritt Animal Hoarding mit einer Vielfalt an unterschiedlichen körperlichen und psychischen Erkrankungen auf, bzw. wird von diesen ausgelöst. (Patronek, Lear, Nathason, 2006; Ofensberger, 2009). Bei Sperlin (2012)wurden u.a. Depression, Angststörungen, Vermüllungssyndrom und Borderline angegeben. Diese jetzt im Einzelnen auszuführen, würde hier gänzlich den Rahmen sprengen, kann aber hilfreich sein, dieses Phänomen begreifbar zu machen.
Eines haben sie aber wohl alle gemeinsam: in den wenigsten Fällen wachen Betroffene am Morgen des Tages auf, gehen zum Arzt und sagen: „Ich habe Borderline und brauche Ihre Hilfe. Und rufen Sie auch gleich das Veterinäramt an, da es meinen 253 Tieren nicht gut geht.“

Wenn sie nicht gerade zu dem oben aufgeführten „Ausbeutertyp“ gehören, so ist es den Betroffen selbst doch oftmals gar nicht bewusst, dass sie ein Problem haben. Sie erkennen das wahre Ausmaß nicht und / oder versuchen dieses ggf. herunter zu spielen oder zu vertuschen. Weil sie z.B. der Meinung oder gar festen Überzeugung sind, dass sie alles richtig machen und sie eh niemand versteht. Tiere sind die wahren Freunde. S.h. hier auch nochmal die „Hoardertypen“. Mit den seelischen Erkrankungen einher geht meist die mangelnde Krankheitseinsicht und Bereitschaft, sich helfen zu lassen. Sie selbst haben nicht zwingend einen Leidensdruck und nehmen diesen auch nicht bei ihren Tieren wahr. Bei Kritik fühlen sie sich missverstanden und ausgestoßen, was wiederum dazu führt, noch mehr vermeintlichen Trost in den Tieren zu finden und auf Abwehr den Mitmenschen gegenüber zu gehen. Patronek et al vermuten sogar, dass in den meisten Fällen ein Trauma im Lebenslauf die Grundlage bilden könnte.

Und selbst wenn sie spüren, dass da was nicht stimmt, so haben sie Angst, sich Hilfe zu holen. Seelische Erkrankungen sind noch immer nicht „gesellschaftsfähig“ und mit Vorurteilen behaftet. Vielleicht wissen sie auch gar nichts von ihrem Seelenleben, aber sie wollen nicht als dumm oder hilflos dastehen oder sie schämen sich gar, weil es so weit gekommen ist, dass sie nicht mehr „Herr der Lage“ sind oder sie haben das Gefühl, „sie können nicht mehr zurück“. Sie befürchten und wissen um die Anfeindungen und darum, dass sie stigmatisiert sind, wenn es an die Öffentlichkeit gerät.

  • Wie konnte es denn soweit kommen und niemand bemerkt was?

Nehmen wir als Beispiel die Depression. Da hat sich doch niemand hingestellt und gesagt: „Hier, nehme ich! Hab gerade nichts Besseres zu tun.“ Bis vor kurzem war die Depression selbst (mit ganz wenigen Ausnahmen) noch gar nicht so anerkannt wie jetzt und das Ausmaß nicht klar. Betroffene hörten Sprüche wie: „So schlimm ist das doch gar nicht“, „Stell Dich nicht so an“, „Beweg doch einfach mal Deinen Hintern“ oder gar „Morgen scheint die Sonne wieder!“. Dies führte unter anderem dazu, dass Betroffene ein nahezu perfektes Doppelleben zu führen schienen: nach Außen wirkte alles schick, das Innere blieb verborgen. Bishin zum Suizid, der alle erschütterte und sich darin das Finale zeigte, welches niemand im Außen hat kommen sehen. Weil es perfekt im Verborgenen blieb, bis es zu spät war.                                                                                                                                      
Wenn jemand etwas verbergen will, dann kann er das auch! Bis zum Perfektionismus. Erst wenn ein hohes Leid erreicht ist und Mißstände gemeldet werden, wird das wahre Ausmaß deutlich. Mit all seinen Facetten, die oftmals die eigene Vorstellungskraft übersteigen. Und dann ist es meistens zu spät.

Selbst wenn wir jetzt die Hintergründe der psychischen Erkrankung mal beiseite schieben, weil wir sie nicht kennen oder erkennen oder es Menschen betrifft, die bis zum öffentlich machen des Ausmaßes ja alles so wunderbar geregelt und gemacht haben und sich niemand erklären kann, wie es so aus dem Ruder laufen konnte: schaut nochmal auf die Hoardertypen oder einfach in das eigene Umfeld. In der Presse tauchen immer wieder Fälle auf, bei denen es mit dem Tierschutzgedanken begann oder die Betroffenen eh schon aus der „Hundewelt“ kamen. Wie oben erwähnt, ist es leicht, an Hunde zu kommen. In der heutigen Welt macht man sich auch schnell „einen Namen in der Szene“, die Welt scheint klein zu sein, jeder scheint jeden zu kennen. Wenn der Betroffene selbst jetzt nicht aktiv wird und sich anbietet, so kommt es schnell dazu, dass er Anfragen erhält, ob er nicht noch diesen oder jenen Hund aufnehmen kann, weil er sonst eingeschläfert wird oder wie auch immer. Allzu schnell hat man sich einen vermeintlich „guten Ruf“ in der Szene geschaffen. Und sind wir mal ehrlich: die Fanbase kann verdammt stark werden und das eigene Ego gut gestreichelt und aufpoliert! Und im Zweifelsfall tut man es ja für die Tiere…

Wenn es niemanden im direkten Umfeld gibt, der hier auch mal ein „P“ vorsetzt und den Betroffenen spiegelt, gibt es in der Kopplung mit dem Hochgefühl schneller ein Problem, als man selbst bereit ist, es zu erkennen. Allzu schnell kommen mehr Hunde, als es einem gut tut. Und selbst wenn man in dem Moment noch denkt, dass man das alles geregelt und „gewuppt“ bekommt, weil man stark ist, sich gut und belastbar fühlt und diesen Hunden doch geholfen werden muss, braucht es nur ein Glied in der Kette, welches an der falschen Stelle reisst. Sei es, dass ein Hund von den anderen getrennt werden muss, es sich herausstellt, dass er alles zerlegt, für den eigenen Unterhalt wird das Geld knapp, weil einer zum Tierarzt muss und wie es so läuft im Leben: es kommt alles auf einmal. Die erste Erschöpfung tritt ein. Aber da sind dann die Leute, die einen wieder motivieren, die Erwartungshaltung wird weiterhin hoch gehalten, also: weitermachen. Was soll man denn jetzt auch tun? Nun sind die Hunde halt da…, der Partner bricht weg, weil er den Wahnsinn nicht mehr aushält. Was soll´s, der hatte eh keine Ahnung. Also weiter. Wenn der Betroffene schon noch merkt, dass es anfängt ein wenig aus dem Ruder zu laufen, weil man eben nicht mehr alles so geputzt bekommt, wie mit nur einem Hund und eigentlich schafft man es auch nicht mehr so, mit jedem regelmässig rauszugehen oder wie auch immer, tritt zunächst sowas wie eine Resignation ein. Man schafft halt nicht mehr alles, aber nun…., soll man halt nicht so genau hingucken und wo so viele Tiere sind, kann es auch nicht aussehen, wie geleckt. Schließlich kommt es zu einer Wahrnehmungsverschiebung, welche auch wichtig für den Betroffenen selbst ist, denn ansonsten kann er nicht weitermachen und müsste sich eingestehen, dass es nicht mehr geht. Aber ein Zurück gibt es auch nicht mehr. Die Tiere sind ja nun da, für sie tut man es ja… vermeintlich. Die Vertuschung beginnt, es wird nicht mehr jeder in jeden Raum gelassen, irgendwann ist das Haus tabu für andere. Es werden Zwinger zusammengebastelt oder was auch immer. Diese Story könnt Ihr endlos weiterverfolgen. Nach Außen wirkt es anfangs vielleicht etwas skurril, aber „Ausreden“ werden nicht als solche erkannt, wenn nicht sogar allzu gerne angenommen ohne weiter nachzufragen. Zumal jetzt ein Lügenkonstrukt hinzu kommt, warum der Betroffene gerade dieses oder jenes tut, anbietet wie auch immer. Dieses Lügenkonstrukt wird perfektioniert. In einem Maße, welches für Außenstehende nicht zwingend erkennbar ist, selbst wenn man noch so skeptisch sein mag. Der Betroffene macht weiter, weil er keinen Ausweg weiss, er aus seiner Sicht nicht anders kann, er es trotz den Anstrengungen die ihm das Lügenkonstrukt kostet nicht wahrnimmt. Die Fanbase drängt, einer geht noch und ohne ihn ist der eine schlecht dran oder er verliert seinen Ruf. Bis zur völligen Erschöpfung oder bis es ihm „um die Ohren fliegt“, weil Mißstände ab einem bestimmten Punkt nicht mehr zu verleugnen sind oder der Druck zu groß wird. Der Ballon platzt und weil Außenstehende den Teil zwischen „die ist ja super und hat alles im Griff“ und dem „wie konnte sie nur sowas tun?“ nicht mitbekommen haben, stellen sie immer wieder fassungslos die Frage „Wie konnte es nur so weit kommen?“.

Das Ganze kann – sicherlich in unterschiedlich ausgeprägten Graden – ja nun fast jeden treffen. Vielleicht nicht bis zum absoluten Chaos, aber sehr wohl bis zur Erschöpfungsgrenze oder wie auch immer. Ich habe es bewusst ungeachtet der psychischen Erkrankungen so geschrieben, weil es am Anfang nicht bei jedem ersichtlich ist, dass irgendwas nicht stimmt, den Betroffenen selbst ja noch nicht einmal und immer wieder Stimmen zu hören sind „Ja, dabei war die doch so gut in ihrem Auftreten?!“.

Wenn wir jetzt an eine 1-Zimmer-Wohnung mit 1000 Meerschweinchen denken, die übereinander herfallen und sich beissen und in der Mitte sitzt ein Typ, der sagt, dass es den Tieren doch super ginge, die einfach nur „naturnah“ gehalten werden, er jeden beim Namen kennt und sie seine Freunde seien, dann hätten wir sofort den Verdacht, dass da irgendwas im Argen liegen könnte. Aber so ist es in der Regel ja nicht.

Kommt also jetzt noch irgendein Defizit hinzu, welches über die Tiere aufgefüllt werden soll oder gar eine zuvor nicht erkannte Depression, Persönlichkeitsstörung mit all seinen Auswirkungen oder war auch immer, könnt Ihr Euch vorstellen, wie umfangreich das Ganze werden kann.

  • Zwangstherapie?!

Seit 2013 dürfen Psychiater in Psychiatrien Menschen zwangsweise Medikamente (die nicht zwingend mit einer Psychotherapie einhergehen) verabreichen, sofern der Fall einem Richter vorgestellt wurde und beim Patienten eine Selbst- oder Fremdgefährdung diagnostiziert wird. Also in solchen Fällen wie beispielsweise Suizidgedanken oder Gewalttätigkeit. Betroffen sind also u.a. Menschen, die unter starken Psychosen leiden, Depressive, Magersüchtige, Alkoholsüchtige etc.

Auch kann ein Richter sich im Falle eines Verfahrens dafür aussprechen, dass der Betroffene eine Bewährungsstrafe bekommt und als Auflage eine Psychotherapie machen muss, weil er beispielsweise immer wieder Aufgrund seines Alkoholkonsums auffällig geworden ist.

Sofern „Animal Hoarding“ als Krankheit anerkannt wird, hat so der Gesetzgeber natürlich mehr Möglichkeiten des Eingriffs. Es vereinfacht es also. Aber eine Anerkennung / Diagnose des Krankheitsbildes, ist noch lange keine Therapie und bedeutet nicht zwangsweise, dass das Problem behoben werden kann. Dabei darf aber sicher nicht vergessen werden, dass hier erst einmal nach dem sog. Auslöser geschaut und dieser erkannt werden müsste, um gezielt vorgehen zu können. Von den Medikamenten mal abgesehen, kann eine Psychotherapie nur so gut verlaufen und erfolgreich sein, wie Arzt und Patient zusammen arbeiten. Wenn nun aber der Betroffene sich selbst sperrt, sich missverstanden und zu unrecht behandelt fühlt, nach wie vor keinen Leidensdruck hat oder dem nur zustimmt, um seine Ruhe zu haben, dann ist niemandem geholfen. Dann beginnt der Kreislauf von Vorne.

Nun kann man auch nicht beigehen und jeden Menschen, der eine Zwangsräumung mitmacht und sich dagegen wehrt, „einfach so und längerfristig“ in die Psychiatrie sperren und ihn zwangstherapieren lassen, sofern er noch in irgendeiner Form zeigen kann, dass er sehr wohl noch in der Lage ist, eigenständig zu denken. Und ihm seine Selbstbestimmung nehmen, indem ich ihn für „nicht geschäftstüchtig in einigen Belangen“ erkläre und einen Betreuer vor die Nase setze. 

Der Gesetzgeber sieht hier schon einige Hürden vor, die zunächst genommen werden müssen, bis es soweit kommt. Und das ist auch gut so, denn sonst könnte ja der Nachbar sagen: „Ey, nimm die mit und sperre die ein, die ist doch nicht mehr ganz frisch im Kopf!“ und ein Betreuer legt dir einmal die Woche Taschengeld auf den Tisch.

Neben dem, dass hier noch ganz viel Vorarbeit geleistet werden muss, bis wirklich jeder mit dem Krankheitsbild vertraut ist, muss es schon mehrmals dicke kommen, bis der Richter hier entsprechend entscheidet. Man denke an das Recht der Verwahrlosung…

  • Grenzfälle im Animal Hoarding

Es gibt Fälle, die ein solches Ausmaß haben, dass sich selbst „Gelehrte“ uneinig sind, ob das noch als „Animal Hoarding“ gelten kann oder dermaßen viel kriminelle Energie dahinter steckt, dass sie selbst beim sogenannten „Ausbeutertyp“ den Rahmen sprengen. Ich vermag es auch nicht zu beurteilen, sofern nicht mehr Hintergründe bekannt sind. 

Ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz ist es allemal. Sofern eine Strafe verhängt wird, ist es in der Regel eine Geldstrafe. Ist derjenige finanziell gut aufgestellt, wird er diese zahlen und sofern er keine weiteren Auflagen bekommen hat… weitermachen. In den meisten Fällen sind Animal Hoarder alles andere als finanziell gut aufgestellt. Die Geldstrafe ist also eigentlich nicht wirklich zielführend. Wenn es zu einem Strafvollzug kommt, dann meines Wissens nach nicht, weil sie gegen das
Tierschutzgesetz als solches verstoßen haben, sondern weil sie Geldsumme nicht aufbringen konnten oder andere Delikte hinzukamen. Und bis es zu einem Tierhalteverbot (oder einer Begrenzung) kommt, muss das Leid schon hoch sein. Hinzu kommt, dass diese wirklich regelmässig überprüft werden muss. Wenn mit einer Begrenzung der Tieranzahl nicht die Auflage des „Verbots des Wohnortwechsels“ und damit der Zuständigkeit verbunden ist, dann wird es noch schwieriger.

  • Warum tut denn keiner was, der Fall ist seit Jahren bekannt?

Ich werde einen Teufel tun und irgendwen verteidigen, der vielleicht seinen Job schlecht oder gar nicht gemacht hat. Genauso wenig werde ich aber in das Horn blasen und auf die vermeintlich bösen Veterinärämter schimpfen.

Vielleicht ist aus dem vorangegangenen Text ein wenig deutlich geworden, dass ein unverzügliches Eingreifen manchmal schwerer ist, als es aussieht. Das gilt auch für die Mitarbeiter des Veterinäramtes. Sicherlich möchte ich niemanden entschuldigen, der wegsieht und es fällt wirklich schwer, bei den grausamen Bildern, welche durch die Presse gehen zu sagen, dass alles in Ordnung war und der Veterinär keine Grundlage hatte, einzugreifen. Hier ist sicherlich eine Nachbesserung angesagt. Auch und gerade was Zugriffsrechte anbelangt.

Ich selbst weiß aber auch aus eigener Berufserfahrung, wieviele Chancen und letzten Endes Auflagen es gibt (um es vom Betroffenen selbst wieder „in Ordnung bringen zu können“), wie sich systemerfahrene Menschen entziehen können, sich Zeit verschaffen oder sonstwas. Wie vieles auch steht und fällt mit den jeweiligen Mitarbeitern der Behörde, den Begleitumständen, den Arbeitsbelastungen, die jeweilige Einschätzung des Falles oder was auch immer.

Und denken wir jetzt noch einmal weiter und stellen uns vor, dass der Veterinär auf den „Ausbeutertyp“ trifft, der es bisher geschafft hat, alle zu täuschen. Warum nicht auch ihn, zumal er nicht ausgebildet ist, narzisstische Persönlichkeiten zu erkennen, auch nicht beim fünften Besuch?

Ein jeder kann auf einen „Animal Hoarder“ reinfallen und oftmals vergeht viel Zeit, ehe etwas entdeckt oder behördlich geschehen kann.

  • Nur über den Menschen kannst Du den Tieren wirklich helfen!

Die extremsten Fälle schaffen es in die Presse, die Empörung ist gross. Das Leiden noch viel größer und die Dunkelziffer sicher hoch. 

Wie schon geschrieben: genau genommen ist es in den allermeisten Fällen zu spät, wenn die Behörden gerufen werden und eingreifen können. Das Leid der Tiere ist meist so groß, dass ein sofortiges Handeln in Form einer Beschlagnahmung nötig wird. Gleichzeitig ist aber auch klar, dass damit das Problem nicht behoben ist und der Betroffene direkt weitermachen würde. Die „richtige Maßnahme“ wäre, zunächst mit dem Menschen zu arbeiten, ihn soweit zu bringen, dass er das Leid der Tiere erkennen kann, mitarbeitet und es entweder zulässt, dass der Bestand der Tiere verkleinert wird oder es schafft, aus eigener Kraft den Bestand zu verkleinern. Wenn wir uns an den Hintergrund erinnern, dass noch eine psychische Komponente hinzukommt, dann kann sich jeder vorstellen, dass das ein Drahtseilakt ist, der in den meisten Fällen eine Unmöglichkeit darstellt. Und der Zeit kostet, Zeit, welche die Tiere nicht mehr haben.     
So läuft es also meist anders herum: der neue Animal Hoarding Fall wird bekannt, die Tiere sind weg und in der Regel werden Sozialarbeiter – wenn überhaupt – erst dann dazu gerufen, wenn es zu spät ist, die Bereitschaft mit jemanden zusammen zu arbeiten von den Betroffenen nicht vorhanden ist (womit wir wieder bei der Krankheitseinsicht wären) oder auf Ablehnung stößt, weil sie als Bedrohung wahrgenommen wird. Die Fronten sind schon so verhärtet, dass Betroffene nur Stigmatisierung, Verurteilungen und Missverständis erwarten. 

Ich selbst stolpere ich meiner Arbeit eher zufällig in solche Fälle. Eigentlich mit einem anderen Auftrag versehen, komme ich in Familien, welche in prekären Lebenssituationen stecken. Für die Behörden muss ich vorrangig dem Menschen helfen. Nun bin ich aber so sensibilisiert, dass ich auch immer einen Blick für die Tiere und ihr Wohlergehen habe. Aber in einem Fall habe ich 1,5 Jahre und einige Meldungen ans Vetamt gebraucht, um in Zusammenarbeit mit dem Betroffenen zum Ziel zu kommen. Bis der ersehnte Anruf kam und mich die Person bat, sie in die Psychiatrie zu begleiten, ihr zu helfen. Ich half ihr und wir verabredeten, dass ich die Räumung ihrer Wohnung veranlassen würde, so dass die Tiere in Obhut genommen werden konnten. Im Verhältnis zu den Fällen, die es bis in die Presse geschafft haben, war dieser noch klein. Wir konnten über 20 Katzen und zwei Hunde herausholen. Die Person litt unter einer Angst- und Beziehungsstörung und hatte die adäquate Versorgung (Losung der Hunde) und Population (Kastration der Tiere) nicht mehr eigenständig unter Kontrolle bringen können. Auch hier spielten so viele Komponenten eine Rolle, dass eine schnellere Lösung nicht möglich war. Und dieser Fall hat es sicher nicht in die Presse geschafft und ist auch nirgendwo als solcher gemeldet worden (außer der namentlichen Registrierung beim zuständigen Tierheim), weil es eben keine Vernetzung gibt. Und wie gesagt: hier hat uns ein anderer Auftrag zufällig drüber stolpern lassen, so dass ich noch einwirken konnte – das ist die Ausnahme.

  • Und nun?

Gute Frage…, nach all dem ist sicherlich klarer geworden, dass das Leid bei den Betroffenen (sowohl Mensch als auch Tier) sehr groß ist, ehe tatsächlich was passiert oder auch passieren kann. Und das Problem ist nicht „mal eben schnell“ zu lösen. 

An erster Stelle würde ich mir mehr verwertbare Studien aus dem Humanbereich wünschen. Das wiederum setzt voraus, dass alle um das Phänomen wissen. Es wäre gut, wenn endlich mehr Netzwerkarbeit diesbezüglich erfolgen würde und auch eine Datenbank eingerichtet werden könnte, damit es nicht immer wieder von Vorne losgeht. Wobei sich hier natürlich auch die Frage nach dem Datenschutz stellt und all dem, was zu einer möglichen Datenbank dazu gehört.

Außerdem halte ich weitere Schulungen und Fortbildungen zum unübersehbaren Problem des Animal Hoarding für gut und wichtig. Und diese nicht nur im Amtsveterinärbereich, was mögliche Zugriffsrechte und Vorgehensweisen angeht, sondern auch als Angebot für den Sozialpsychiatrischen Dienst, für Psychologen, Psychiater und allen Sozialarbeitern im ambulanten Bereich.

Tierheime, welche mit der plötzlichen Flut an Aufnahmetieren konfrontiert werden, sollten zusätzliche Gelder erhalten.

Eine Anerkennung des Krankheitsbildes würde einiges erleichtern.

Nach dem momentanen Stand der Dinge kommt ein Eingreifen von behördlicher Seite aus viel zu spät. Und bis es soweit ist, dass daran etwas geändert werden kann, würde ich mir persönlich mehr Sensibilität aus dem „privaten Bereich“ wünschen. Es ist weitere Aufklärung und Aufmerksamkeit im Vorfeld angesagt, nicht nur eine anschließende Empörung. 

Heisst: setzt Euch intensiver mit dem Thema auseinander, nur so erkennt Ihr frühe Anzeichen. Gebt auf Euch und Eure Umgebung Acht, indem Ihr entweder lernt „Nein!“ zu sagen oder auch ein „Nein!“ des Gegenübers zu respektieren. Vielleicht kann Euer Gegenüber nicht „Nein“ sagen und es ist ein Irrglaube zu behaupten: „Wo 11 Hunde satt werden, werden auch 12 satt.“ „Schnackt“ niemandem Hunde auf. Vielleicht ist es genau der 12., mit dem das Chaos ausbricht. Bleibt skeptisch, ohne vorschnell zu urteilen. Wann immer es geht, macht Euch selbst ein Bild. Und wann immer Ihr irgendwo hinkommt, wo Ihr Leid erkennt: macht es offen, geht ins Gespräch. 

Ich hab das alles hier weitestgehend im Thema eingekürzt, um es in einem gut lesbaren Rahmen zu halten. Außerdem habe ich es  hauptsächlich auf Hunde und Katzen beschränkt, aber alle Tiere können betroffen sein, auch sogenannte „Nutztiere“. Aktuell bekannte Fallzahlen und auch betroffene Tierarten könnt Ihr in der Dissertation von Sperlin finden oder auch beim Deutschen Tierschutzbund e.V. nachlesen. Im Anschluss findet Ihr entsprechende Literaturhinweise und Links.

Literaturhinweise:

Arluke, A. + Killeen, C. (2009): “Inside Animal Hoarding – The Case of Barbara Erickson and Her 552 Dogs“, West Lafayette, Indiana: Purdue University Press

Arluke, A. (2006): “Just a dog: understanding animal cruelty and ourselves“, Philadelphia, USA: Temple University Press

Dettmering, P. + Pastenaci, R. (2004): “Das Vermüllungssyndrom – Theorie und Praxis“, 4. Aufl., Eschborn: Verlag Dietmar Klotz GmbH

Gross, W. (2002): “Messie-Syndrom: Löcher in der Seele stopfen”Dtsch Arztebl 2002; 99: PP 419-420 [Heft 9]

Klosterkötter, J., Peters, U.H. (1985): “Das Diogenes-Syndrom”, in: Fortschritte der Neurologie – Psychiatrie 53 (11): 427-434, Stuttgart: Georg Thieme Verlag KG

Miller, F.P., Vandome, A.F., McBrewster, J. (Ed.) (2010): “Animal Hoarding“, USA, UK, Germany: Alphascript Publishing

Sperlin, T.S. (2012): “Animal Hoarding. Das krankhafte Sammeln von Tieren. Aktuelle Situation in Deutschland und Bedeutung für die Veterinärmedizin”, Hannover: Tierärztliche Hochschule, Dissertation, 2012

Deutscher Tierschutzbund e.V.: mit weiterführenden Infos (z.B. Checkliste): Animal Hoarding (online, Zugriff 17.08.2019)